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Foto: Spreewald Info

Kokot – Hahnrupfen im Spreewald

Wenn der letzte Garbenhaken eingebracht ist, steigt im Spreewald das Hahnrupfen, wendisch „Kokot“. Auf einem abgeernteten Feld wird der mit Eichenlaub geschmückte Torbogen aufgestellt. Unverheiratete Männer hoch zu Roß versuchen die an dem Querbalken angehängten Kleinigkeiten (Zigaretten, Lutscher, Mini-Alkoholfläschen) abzureissen. Sind die Pferde auf dieser Art und Weise eingeritten, wird der tote Hahn kopfüber aufgehangen.

Wer als Erster den Kopf erbeutet, wird zum „Prvny Kral“ (Erntekönig) gekürt und gefeiert; wer einen Flügel fängt, ist „Prvny Kralc“ (Ernteprinz). Mädchen in Tracht begleiten dieses Fest und die Könige dürfen sich mit verbundenen Augen aus diesem Kreis ihre Königin wählen. Pferd und Reiter erhalten einen Ehrenkranz aus Eichenlaub und nun ziehen die Königspaare in Richtung Gaststätte zum Tanz. Der Hahn wird als Fruchtbarkeitssymbol gesehen. Da er sich in der Zeit der Aussaat und Ernte verausgabt hat, ist er als Fruchbarkeitsgeist für ein nächstes Jahr zu schwach und alt und muss deshalb gerupft werden.

Geschichte und Bedeutung

Der Kokot hat tiefe Wurzeln im slawischen Erntekalender: Schon im Mittelalter ehrten Sorben und Wenden den Hahn als Fruchtbarkeitssymbol, das Leben und Überfluss verkörperte.

Nach Beendigung der Getreideernte legten sie Vorräte an und feierten Rituale zum Dank. Das Ringen um Hahnkopf und Flügel ging einher mit Ackersegensriten: Die Kraft des erlegten Tieres sollte auf die Saat übertragen werden. Im 19. Jahrhundert lebte das Hahnrupfen im Zuge der sorbischen Kulturbewegung wieder auf, als Trachten, Lieder und Bräuche neu belebt wurden. Heute ist Kokot der am weitesten verbreitete Erntebrauch in der Niederlausitz und Teil des immateriellen Kulturerbes.

Vom kleinen Dorfwettbewerb bis zur großen Superkokot-Veranstaltung in Dissen treffen Erntekönige aus allen Dörfern zusammen, um ihre Fertigkeiten zu messen und die regionale Tradition zu zelebrieren.

Ablauf und Durchführung

Die Vorbereitung beginnt Wochen vorher: Ein toter Hahn wird beschafft und für den Wettkampf tauglich präpariert. In der Dorfmitte errichten junge Männer eine Pforte aus zwei stehenden Balken und einem Quersteg, üppig mit Eichenlaub geschmückt. Am Festtag treffen sich Burschen in Tracht und, je nach Ort, Mädchen in niedersorbischer Tanztracht im Gasthaus.

Nach einer kurzen Zeremonie reiten sie einzeln zum Startpunkt, galoppieren durch die Pforte und versuchen, mit Griff und Biss an Kopf oder Flügel rasch zuzupacken. Wer im Ritt erfolgreich ist, wird sofort gefeiert: Der Sieger erhält Kranz und Krone, dann folgt Erntekönigstanz und Essen mit regionalen Spezialitäten. Zuschauer begleiten den Ritt an der Seite der Pforte, feuern an und bieten den Reitern aufmunternde Rufe. Mit Einbruch der Dämmerung klingt das Spektakel bei Musik und Tanz aus, bis die Siegeskrone am nächsten Morgen abgelegt wird.